Bereits beim Einstieg des für Oculus Quest erhältlichen Spiels wird mir anhand der nahtlosen Präsentation klar, dass ich es bei Mare mit einem der bislang rundesten VR-Erlebnisse zu tun habe. Nicht einmal ein Optionsmenü lenkt von der surrealen Rätselreise ab, in die ich (je nach optionalen Artefakten) knapp drei bis fünf Stunden abtauche. Schon die in Form einer Kultstätte designte Kapitelwahl gewährt mir wie in einer traumhaften Vision einen ersten Blick auf die anderweltliche Kulisse.
Ihr Design passt ideal zur Technik der Oculus Quest 2, mit der ich das Spiel getestet habe: Als elektrischer Vogel throne ich auf einer der Sitzstangen und lasse den Blick über die Terassen antiker Ruinen schweifen, durch die sich mehr steinerne Stufen ziehen als im Blankeneser Treppenviertel. Die kantigen Oberflächen von Mauern, Brückenpfeilern oder der flatternden Baumblättern sind oft nur grobflächig texturiert und bilden doch ein sehr stimmungsvolles, detailreiches Gesamtbild, wenn ich mit der hohen Auflösung des Headsets den Blick schweifen lasse.
Welche Rolle spielt das Mädchen?
Lediglich das aus einer Kapsel gekrabbelte Mädchen spricht in einer fremdartigen Sprache zu mir, während ich sie über die Terasssen zum nächsten Tor locke. Sie fasst schnell Vertrauen und läuft fast immer so weit wie möglich in meine Richtung – inklusive kleiner Balanceakte mit ausgestreckten Händen über schmale Brücken. Landet sie in einer Sackgasse, hilft ein Ortswechsel meinerseits. Einfach das Zielkreuz rechtzeitig auf eine andere Sitzstange richten, aufs Knöpfchen drücken und schon flattert mein Vogel dorthin. Kurz danach wechselt auch mein frei schwebender Blickwinkel mit einer sanften Schwarzblende dorthin, so dass ich die Lage von dort aus prima überblicken kann.
Rätselhafte Mechaniken
Später bringe ich mit dem elektrischen Strahl Bäume zum Wackeln oder benutze den Strom anderweitig, um die Aufmerksamkeit meiner Begleiterin auf mich zu ziehen. Manchmal ist es auch nötig, ihr einen Schrecken einzujagen, damit sie kreischend in die passende Richtung rennt – ein Prinzip, das mit fortschreitender Spieldauer immer häufiger und heftiger thematisiert wird. Zudem wird die Begleiterin später immer häufiger von pechschwarzen Geistern heimgesucht, die im Zusammenspiel der Rätselmechaniken eine wichtige Rolle spielen.
Ich verrate lieber nicht zu viel über sie und ihre Bannstrahlen, wollte aber immerhin kurz erwähnen, dass ihr Einsatz schön Gebrauch von den Möglichkeiten der Virtuellen Realität macht: Wende ich meinen Blick nur kurz vom Schützling ab, schlurft plötzlich ein ganzes Grüppchen der finsteren Gesellen in ihre Richtung. Auch mechanische Tricks wie die Aktivierung uralter Technik und das Umleiten rostig quietschender Schienenfahrzeuge auf hügeligen Strecken bereichern die Puzzles. Die einzigen schwerwiegenden Kritikpunkte dabei sind, dass das Potenzial der Mechaniken während der kurzen Spielzeit nur angeschnitten wird und dass es so gut wie keine richtig anspruchsvollen Kopfnüsse gibt.
Lediglich das Auffinden der in Randbereichen versteckten Tier-Artefakte gestaltet sich etwas kniffliger; der Rest der Aufgaben lässt sich auch von Einsteigern lösen, wenn sie sich ausgiebig umschauen und ein wenig mit den Fähigkeiten des elektrischen Vogelstrahls experimentieren. Die Einsteigerfreundlichkeit hat natürlich auch ihre Vorteile für die dauerhafte Immersion, da man im Gegensatz zum bockschweren Myst (zum Test) nicht darauf angewiesen ist, zwischendurch das Headset für Notizen oder eine Komplettlösung abzusetzen.
Ein Sprung in der Platte
Als mich die Spielregie zu einem Alleingang zwang, ertappte ich mich sogar dabei, wie ich das Gebrabbel plötzlich vermisste – und wie die ungewohnte Stille meinen Beschützerinstinkt anfachte. Kein „Weiß i!“, kein „Bazingaaa!“, nur der pfeifende Wind in den Blättern. Nun sag doch was! Da auch das Ende nicht alle Fragen beantwortet, gibt es übrigens eine kleine Extra-Motivation, die bereits beschriebenen versteckten Tier-Artefakte zu sammeln, damit sie ein weiteres Geheimnis enthüllen.
Fazit
Ich habe schon lange nicht mehr so intensiv über eine Geschichte nachgegrübelt wie in Mare mit seiner verworrenen Symbolik und seinen nicht immer eindeutigen Wechselwirkungen. Selbst nach dem Durchspielen ließen mich die surreal rotierenden Maschinen, kreischenden Sirenen, aufgeschreckten Vögel und dunklen Geister nicht mehr los. Eine Klasse für sich ist die rumdum vereinnahmende Präsentation des kompletten Erlebnisses ohne Menüs. Dazu gehört auch die simpel gehaltene Steuerung, die mit ihrem hohen Komfort aber ideal zum unterhaltsamen Rätsel-Prinzip des ständigen Anlockens oder Abschreckens der Begleiterin passt. Nach nur knapp drei Stunden wird zwar klar, dass manche Mechanismen ihr Potenzial lediglich ankratzen – und wie sehr die ewig gleichen Fantasie-Phrasen des Mädchens die Nerven strapazieren. Von solchen Mankos abgesehen steckt in Mare aber eine einzigartige, ungewöhnlich geschliffene Perle der VR-Adventures! Eine Rift-Version soll laut offizieller Website übrigens "in naher Zukunft" folgen; weitere Umsetzungen wurden bislang nicht angekündigt.
Pro
- faszinierend surreale Welt voller geheimnisvoller Symbolik
- vieldeutige wortlose Story voller rätselhafter Zusammenhänge
- unterhaltsames Prinzip aus Anlocken, Verscheuchen und Beschützung
- Deutung von Mechanik und Geistwesen lockert Spielmechanik auf
- minimalistische, sehr elegante Steuerung und Menüführung
- tolles Design zwischen Ruinen-Terassen und Elektrikmonstern
- grafischer Stil und saubere Technik perfekt auf Quest 2 abgestimmt
- sehr komfortabel und übelkeitsfrei
Kontra
- wirklich knifflig wird nur die Suche nach versteckten Tier-Artefakten
- Gebrabbel des Schützlings wiederholt sich nervig oft
- nur knapp drei bzw. mit Sammelobjekten fünf Stunden kurz
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