Das Abenteuer von Victor beginnt an einer Bahnstation. Er will seine Frau Anna treffen, ein Feuerwerk erhellt die Nacht und die Leute feiern, weil gerade der Krieg vorbei ist. Man weiß nicht genau in welcher Zeit oder Stadt man sich befindet, aber Wolkenkratzer und englische Bezeichnungen lassen eine gegenwärtige US-Metropole vermuten. Die Station erkundet man in Schultersicht, in der einiges zwar statisch, aber mitsamt der Leute, Graffito und Anzeigetafeln noch ganz solide aussieht.
...aber ein böses Feuerwerk
Zwischen Alarm und Feuer sucht Victor nach Anna, die er trotz Rauch und Sprints ohne einen Fleck auf dem sauberen Anzug findet. Nach diesem schlechten Einstieg wird man darüber informiert, dass die Regierung gestürzt, die Städte verlassen und die Endzeit angebrochen ist. Drei Jahre später kämpfen alle in einer neuen Welt ums Überleben. Die Kamera schwenkt in eine scheinbar ausgestorbene Stadt, die zumindest wie eine grob texturierte Designstudie zu The Last of Us aussieht.
Warum er sich da so locker sonnt, als ihn ein Funkspruch von Anna erreicht, bleibt das Geheimnis einer Regie, die komplett überfordert ist mit Charakteren, Dialogen und Spannungsaufbau. Anstatt sich am eigenen Firmenmotto "Create New Horizons" zu orientieren, hat man sich an all den filmisch inszenierten Vorlagen orientiert, die man eben nicht so leicht kopieren kann, wenn man zu viert ist und jemand nebenbei eine Story schreibt. Das Schlimmste ist: Der Held spricht seine Gedanken immer mal wieder laut aus - und das ist meist grauenhaft. Gesprochen wird übrigens wahlweise auf Englisch oder Türkisch, die Texte wurden aber mit einigen Lücken und Fehlern ins Deutsche übersetzt.
Kampf ohne Wucht
The Worst of Us?
So erreicht Potentia als pure Third-Person-Action, von der es da draußen so viel gibt, nicht mal Mittelmaß. Jedenfalls wollte ich irgendwann einfach nur mal durchrennen statt zu kämpfen - an schwer bewaffneten Typen vorbei. Und das Schöne war: es klappte sogar. Die ballerten zwar, aber verfolgten mich nicht richtig. Jetzt konnte ich in aller Ruhe leere Gassen erkunden oder in Räumen Schubladen öffnen, in denen meist nix drin war außer meinem Kopf, der hineinragte. Immerhin ist das Spiel, das letztlich wie eine Tech-Demo wirkt, nach etwa drei Stunden vorbei.
Fazit
In Zeiten wie diesen, in denen so wenig prominente Spiele erscheinen, kann man sich öfter mit kleineren Entwicklungen beschäftigen. Und manchmal sind coole Geheimtipps wie Sunless Skies, Oxygen Not Included, Overload, Disco Elysium oder Horace dabei. Aber Potentia gehört trotz vieler positiver Steam-Bewertungen nicht dazu. Es orientiert sich an großen Endzeit-Abenteuern wie The Last of Us, kann auf grafischer Ebene solides Niveau erreichen, aber scheitert komplett an der Regie und serviert eine gerade noch ausreichende Spielmechanik. Nach einem der schlechtesten Einstiege der letzten Jahre ballert und schleicht man sich für knapp drei Stunden emotionslos durch ein Spiel, das im Gegensatz zum zehn Jahre älteren I Am Alive weder kreative Impulse noch situative Spannung oder echtes Survival-Flair erzeugen kann. Hier wirkt vieles hölzern, künstlich und erzählerisch schwach. Nicht falsch verstehen: Das ist kein Schrott, also kein "The Worst of Us" - aber als Erlebnis im Kontext aktueller Spiele mit ähnlichem Ansatz ist das gerade noch ausreichend. Mein Tipp an Wily Pumpkin für das nächste Projekt: Versucht lieber eine kreative Mechanik anzubieten als gleich das ganz große Kino zu kopieren. Und stellt bitte einen guten Storywriter ein - oder: lasst sie einfach ganz weg.
Pro
- solide Endzeit-Kulisse
- Mix aus Schleichen und Kampf
- drei Schwierigkeitsgrade
- Maus/Tastatur oder Gamepad nutzen
- deutsche Übersetzung der Texte
Kontra
- schwacher Einstieg
- ganz schlimme Dialoge und Texte
- ein Held zum Abgewöhnen
- nervige Fehler beim Anvisieren aus Deckung
- Nah
- und Fernkampf wirken zu hölzern
- Schussmechanik ohne Wumms
- schwache Gegner-KI, schaut durch Hindernisse
- viele leere Schlauchareale, kaum Interaktion
- uninspirierte Musik, magere Akustik
- keine deutsche Sprachausgabe
- Lücken und Fehler in deutschen Texten
- einige grafische und inhaltliche Bugs
- keinerlei kreative Ideen, nur schwache Kopie
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