Mehr als Resident Evil
Capcom gehört zu den ganz großen Nummern der japanischen Videospielgeschichte: Das Softwarehaus aus Osaka wurde 1979 als I.R.M. Corporation gegründet und später in Capcom (CAPsule COMputers) umbenannt - Weltmarken wie Street Fighter und Resident Evil gehen ebenso aufs Konto der Japaner wie zahlreiche andere, langlebige Kultserien von Monster Hunter über Mega Man bis Devil May Cry. Und obwohl bei Capcom, anders als bei der inländischen Konkurrenz von Sega, Namco oder Taito, der Fokus nie extrem auf Arcade-Entwicklungen lag, hat das Traditionshaus eine bewegte Spielhallen-Vergangenheit. Und die soll nun, mal wieder, in klingende Münze verwandelt werden. Mal wieder - weil Capcom nicht nur ein Hort kreativer Spielideen, sondern auch ein Synonym für das gnadenlose Melken großer Namen ist. Zahllose Neu-Veröffentlichungen, leicht erweiterte Pseudo-Nachfolger, Remakes oder Collections gehen seit Jahrzehnten auf das Konto von Capcom - eigentlich erstaunlich, dass die hier vorliegende Sammlung nicht Super Hyper Arcade Collection - Complete Anniversary Edition heißt…
Das Beste aus zwei Jahrzehnten…
2013 erschien dann, mit einem ähnlichen Vertriebsmodell wie die aktuelle Switch-Sammlung, Capcom Arcade Cabinet für PS3 und Xbox 360: Retro-Fans konnten die Gratis-Download-Software mit mehreren Retro-Paketen füttern, die auch 1942, 1943, Ghosts 'n Goblins, Section Z, Pirate Ship Higemaru, Vulgus, Commando und Legendary Wings beinhalteten. Ich schätze, ihr erkennt so langsam ein Muster - doch es geht noch weiter: In Mai und September 2018 beglückte Capcom seine Retro-Fangemeinde mit der Street Fighter 30th Anniversary Collection und dem Capcom Beat 'Em Up Bundle - darin enthalten waren u.a. Street Fighter 2 - The World Warrior, Street Fighter 2 - Hyper Fighting, Super Street Fighter 2 Turbo, Captain Commando, Warriors of Fate und Battle Circuit. Zu guter Letzt tummelten sich auf der luxuriösen, über 200 Euro Arcade-Stick-Minikonsole Capcom Home Arcade u.a. Armored Warriors, Captain Commando, Street Fighter 2 - Hyper Fighting, Strider, Ghouls 'n Ghosts 1944, Giga Wing und Progear.
Ausstattung & Technik
Wer bis hierhin durchgehalten hat, soll dafür mit reichlich Infos zur Ausstattung und Umsetzung der enhaltenen Oldies belohnt werden: Die Sammlung ist nämlich grundsätzlich extrem gelungen - viele Tutorials und Bildschirm-Erklärungen beschreiben alle Funktionen haarklein, dabei geht es um Online-Highscorelisten und regelmäßige Herausforderungen, ein Auflevel-System für fleißige Spieler, das Speichern von Spielständen, das Umschalten zwischen japanischer und englischer ROM-Version oder die Rückspulfunktion. Letztere funktioniert auch in der wildesten Action mit nur einem Knopfdruck fantastisch und mindert gerade bei schweren Titeln wie Ghouls 'n Ghosts, Strider oder diversen Shoot’em-Ups den Frustfaktor. Denn selbst unendlich verfügbare Credits und damit Continues helfen manchmal nur bedingt, wenn Spiele über knackige Rücksetzpunkte verfügen.
Wo geht's hier zum Museum?
Wer das Nostalgie-Video (heißt wirklich so) im Optionsmenü findet und ansieht, freut sich über ein charmant zusammengeschnittenes Filmchen mit alten Polaroids, Arcade-Flyern und Spiele-Clips. Gleichzeitig macht das Lust auf etwas, was diese Sammlung jedoch leider nicht bietet: ein digitales Museum mit Artworks, Musikbox, Fotos oder - man wird ja noch träumen dürfen - Making-of-Filmen mit O-Tönen der damaligen Programmierer und Designer. Auch ein Zusehen-und-auf-Knopdruck-mitspielen-Feature, wie es die SNK 40th Anniversary Collection bot, hätte mich als alten Arcade-Archäologen mit eingerosteten Fähigkeiten gefreut.
Die Spiele
Fazit
Angesichts der guten Emulationen, der starken Bildeinstellungen und der top Rückspulfunktion war ich fast versucht, zu fragen: Wie soll man das noch viel besser machen? Aber: Mehr wäre immer mehr. Ich hätte gerne mehr museale Aufbereitung und natürlich mehr Spiele. Die von mir im Text (lang und breit) erörterte Historie der Capcom-Collections bietet noch zahlreiche andere Klassiker, die diesmal leider fehlen: Wie gern hätte ich die Pixelpracht von Three Wonders auf meiner Switch genossen! Die PSP-Fassung, ich habe sie extra nochmal ausgepackt, kämpft mit langen UMD-Ladezeiten und der Bildschirm ist so winzig. Auch King of the Dragons, einer meiner liebsten Klopper, der nie portierte Versus-Prügler Red Earth, das hübsche Film-Spiel Willow oder die Pang-Serie hätten Capcom Arcade Stadium trefflich zu Gesicht gestanden. Letzlich muss sich diese an sich wirklich schöne Sammlung trotz der vielen Komfortfunktionen mit einer „guten“ Note zufrieden geben - auch die Tatsache, dass fast alle der enthaltenen Klassiker schon anderweitig neu aufgelegt wurden, verhindert das „sehr gut“.
Wertung: gut
Pro
- über 30 Retro-Spiele
- gelungene Emulation mit vielen Einstellungsmöglichkeiten
- Rückspul-Funktion
- starkes Paket für Shootem-Up-Fans
- einige selten portierte Arcade-Perlen dabei
- prachtvolle Pixel der Zeit von 1984 bis 2001
- Online-Highscore-Listen
Kontra
- kleinere technische Macken (z.B. Soundbugs)
- einige Capcom-Klassiker fehlen diesmal
- kein Online-Mehrspieler-Modus
- zu wenig museale Aufbereitung
Echtgeldtransaktionen
Wie negativ wirken sich zusätzliche Käufe auf das Spielerlebnis, die Mechanik oder die Wertung aus?
- Grundspiel ist gratis, ein Titel ist enthalten, die restlichen 30 können in 10er-Paketen zu je 14,99 Euro erworben werden.