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Pandemic Legacy - Season 2
26.03.2020, Jörg Luibl

Special: Gemeinsam gegen die Seuche

Vor vier Jahren habe ich Pandemic Legacy - Season 1 vorgestellt, das zu den besten kooperativen Brettspielen gehört. Auch deshalb, weil es eine einzigartige Kampagne inszenierte, in der sich Regeln, Spielwelt & Charaktere quasi permanent verändern. Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, den offiziellen Nachfolger zu spielen. Und was soll ich sagen? Pandemic Legacy - Season 2 ist noch besser!

Keine Vorkenntnisse benötigt

Ganz wichtig: Ihr müsst den ersten Teil nicht gespielt haben, um mit Pandemic Legacy - Season 2 loszulegen. Das Abenteuer verlangt keinerlei Vorkenntnisse und lässt sich separat mit bis zu vier Freunden erleben. Ihr könnt auch zu dritt oder zweit starten, dafür gibt es nur kleine Ergänzungen. Überhaupt ist das Regelwerk angenehm kompakt. Zunächst erstellt ihr wie in einem Rollenspiel eigene Charaktere, indem ihr deren Karten mit Name und Geburtsort beschriftet sowie ein Portrait und eine Fähigkeit aufklebt.

Keine Bange, ihr könnt ruhig den permanenten Filzstift oder einen Kuli dafür einsetzen. Denn zum Wesen der Legacy-Spiele gehört, dass ihr ein Abenteuer mit allen Konsequenzen nur einmal erlebt. Charaktere erhalten nicht nur bleibende Narben und können sterben, sondern das Regelwerk und der Spielplan verändern sich dauerhaft, meist durch frisch aufgeklebte Sticker. Hinzu kommt der coole Überraschungseffekt durch zunächst verschlossene Boxen und Dossiers, die an bestimmten Stellen der Kampagne geöffnet werden und weitere Karten, Modifikationen sowie Ereignisse hinzufügen.

71 Jahre nach dem Weltuntergang


Pandemic Legacy - Season 2 kostet knapp 40 Euro und ist komplett auf Deutsch bei Asmodee erschienen.
Dafür spielt man allerdings auch länger als gewöhnlich in mehreren Sitzungen. In diesem Fall hat man ein Jahr Zeit, um in einer postapokalyptischen Welt zu bestehen. Eine unheilbare Seuche hat vor 71 Jahren mit zig Millionen Toten dafür gesorgt, dass die Zivilisation und die globale Kommunikation weitgehend zusammenbrach. Nur wenige Städte sind per Land oder Wasser verbunden und es gibt sogar wieder eine Terra incognita, denn viele Teile der Erde sind komplett abgekapselt - was durch die dunklen Stellen des Spielplans illustriert wird.

Es gibt allerdings im Atlantik und dem Mittelmeer drei so genannte Zufluchten, von denen aus Retter die letzten überlebenden Städte versorgen - alles dreht sich quasi darum, wie man genug Vorräte von A nach B bringt und wie man die drastisch gesunkenen Bevölkerungszahlen wieder erhöhen kann. Ihr gehört zu so einem Retter-Team, aber müsst damit rechnen, dass da draußen nicht nur der Virus mit seinen Ausbrüchen, sondern auch eine feindliche Fraktion namens Hohle Männer lauert. Und die hat in einem hinterhältigen Coup vermutlich viele eurer Anführer vernichtet.

Ein Hauch von Rollenspiel

An dieser Stelle erkennt man schon das Rollenspielflair, das sich durch Pandemic zieht. Man liest vor dem Start des Abenteuers eine Einleitung und zwischendurch immer wieder kleine Texte vor, so dass ein erzählerischer Rahmen entsteht. Außerdem entwickeln sich die Charaktere entweder über weitere Fähigkeiten oder Narben sowohl positiv als auch negativ. Auch hier gibt es einen coolen Spannungsfeffekt, denn die Narben werden z.B. von links nach rechts auf den Karten freigerubbelt, so dass man nicht weiß, was passiert - oder ob sogar der Tod hinter einem silbergrauen Feld wartet.

Auch die Kampagne ist mit einem cleveren Spannungsbogen aufgebaut, so dass sich die Ereignisse jeden Monat zuspitzen, zumal die Herausforderungen steigen. Im Januar bekommt man noch eine einfache Aufgabe: Man soll Nordamerika erkunden. Das klingt komisch, aber das Gebiet westlich von New York liegt ja seit 71 Jahren im Dunklen und soll wieder an das so genannte Raster angeschlossen werden.

Hurra, der Westen der USA wurde erkundet!
Das Problem: Man muss zuerst ein Versorgungszentrum in Washington bauen, um aus diesem heraus die Expedition zu starten. Spielpraktisch bedeutet das: Für Ersteres braucht man fünf, für Letzteres drei blaue Karten. Hat man das geschafft, darf man nicht nur den ersten großen Landsticker anbringen, und sieht zum ersten Mal die amerikanische Westküste samt neuer Orte, sondern darf auch die erste Box mit neuen Karten, Regeln & Co. öffnen und entscheiden, ob man entweder Städte oder spezielle Karten stärkt - also Einwohnerzahl erhöhen oder Seucheneffekte abschwächen. All das sind motivierende Elemente, die sowohl für Ungewissheit als auch Belohnungseffekte sorgen: man entwickelt, sammelt und verändert sich und die Welt.

Steigerung von Bedrohung und Möglichkeiten


Man kann mehrere Charaktere erstellen.
Jeder Spieler startet mit einer zufälligen Hand aus Karten, darunter farbig markierte Städte sowie sofort spielbare Ereignisse, und zieht am Ende zwei nach. Die Herausforderung besteht darin, möglichst schnell diese Karten für eine Aufgabe zu sammeln und gleichzeitig die Folgen der Seuche einzudämmen, die quasi in Schüben jede Runde zufällig andere Städte bedroht und Vorräte vernichtet. Sind die aufgebraucht, kann eine Epidemie ausbrechen und sich auf die benachbarten Orte ausweiten - inklusive böser Kettenreaktionen. Außerdem gewinnt die Seuche im Laufe der Zeit an Stärke, so dass man tatsächlich das Gefühl hat, dass sich eine globale Schlinge zuzieht. Dabei kann einem auch der Zufall übel mitspielen, denn man zieht sowohl Hand- als auch Epidemiekarten aus einem verdeckten Stapel.

Wer das Jahr überlebt, kann seinen Erfolg anhand der Tabelle ablesen.
Umso wichtiger ist die Effizienz der Bewegung, über die alle am Tisch frei diskutieren können: Jeder Spieler hat vier Aktionen zur Verfügung, die er in beliebiger Reihenfolge und auch mehrfach ausführen kann. Dabei dreht sich neben der erwähnten Aufklärung sowie dem Bau von Versorgungszentren alles darum, wie man von A nach B kommt, um Vorräte herzustellen, abzuliefern oder Karten mit anderen Spielern zu tauschen. Und das Coole ist: Selbst die Übersichtskarten für diese Aktionen haben Platz für Sticker - denn es kommen weitere hinzu. Diese parallele Steigerung der Bedrohung einerseits und der Möglichkeiten andererseits, sorgt für eine tolle Dynamik! Die kann schnell ins Tragische wechseln, so dass man einen Monat verliert, weil die Seuche zu stark und die Aufgaben nicht zu meistern waren.

Es gibt viel zu öffnen und zu kleben.
Aber es gibt kein strenges Game Over: Man kann man exakt diesen Monat nochmal angehen oder bei zweiter Niederlage zum nächsten wechseln. Schön ist übrigens auch, dass das im Kalender berücksichtigt wird, den man über die zwölf Monate mit seinen Notizen füllt.

Fazit

Pandemic Legacy - Season 2 ist ein klasse kooperatives Brettspiel, das direkt in meine Top 20 gestürmt ist! Natürlich vertieft es "nur" die Spielmechanik des sehr guten Vorgängers, aber das Szenario mit der postapokalyptischen Terra incognita gefällt mir noch besser. Außerdem gebührt Matt Lecock und Rob Daviau großer Respekt dafür, dass sie mit kleinen, aber feinen Zusätzen für noch mehr Dramatik mit Rollenspielflair sorgen. Über die zufällig gezogenen Karten sowie die Verschärfung der Seuchenfolgen spitzt sich die Bedrohung zu, während man andererseits mit neuen Karten belohnt wird und seine Charaktere sowie Regeln und Welt mit weiteren Stickern verändert. Das ist eine Dynamik, die euch so nur Legacy-Spiele bieten. Zwar erlebt man sie nur einmal, aber dafür individueller und intensiver. Falls euch dieses Prinzip gefällt, kann ich euch neben Pandemic Legacy - Season 1 auch Risiko Evolution empfehlen, das den Strategie-Klassiker kreativ modernisiert.

Für alle, die eine Wertung vermissen: Wir werden hier nur unsere Highlights vorstellen. Natürlich gibt es auch in der Brettspielwelt einen bunten Mainstream und billigen Murks, aber wir wollen euch alle zwei Wochen kreative Geheimtipps und ungewöhnliche Spieleperlen empfehlen, die man vielleicht nicht in jedem Kaufhaus findet.

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Kommentare
Numrollen

Bin auch bei Sword & Sorcery gelandet. Bin allerdings sehr auf Dungeon Crawler fixiert, finde nur die Preise einfach überteuert. Sword & Sorcery 1 Held als Pack für12-18€ dazukaufen? 6 Helden also 75€+, einfach lächerlich.

@4P|T@xtchef wann kommen den neue Brettspieltests? Ich fand die immer schön zu lesen.

vor 5 Monaten
4P|T@xtchef

Ich sehe Gloomhaven (aktuell) auch hinter Sword & Sorcery, selbst hinter Descent in zweiter Edition. Es hat schon Stärken, aber im Kontext eines Rollenspiels auch einige Defizite hinsichtlich Kampf und Storytelling. Zu Dungeon-Crawlern mach ich bald mal was, da ist meine Liste endlos. Danke auch für die Tipps.

vor einem Jahr
M_Coaster

Gloomhaven? Das Spiel das fast nur ein Missionsziel kennt, nämlich töte alle Gegner? Für mich ist Gloomhaven das meist überschätzte Brettspiel überhaupt. Das dies auf BGG auf Platz 1 thront ist eine Farce. Ich bin allerdings auch kein großer Fan von Dungeon Crawlern, allerdings finde ich ein Sword & Sorcery oder Alone wesentlich besser.

Für videospieler kann ich übrigens euch allen hier, auch @Jörg, nur Nemesis empfehlen. Ein absolut geiles Brettspiel!

vor einem Jahr
lordpa

Uns hat es nach einigen Monaten immer weniger gefallen. Vor allem das Standardziel (baut 3 Forschungszentren) war so schnell langweilig (wie bereits in Season 1) und hätte auf jeden Fall durch andere Aufgaben ergänzt werden können. Wir hatten irgendwann keine Lust mehr jedes Mal 3 zu bauen. Haben es aber durchgespielt und sind zu Viert der Meinung, dass wir so schnell kein Pandemie Spiel mehr brauchen.

Ging uns haar genau gleich. V.a. im mittleren Teil des Spiels ists gefühlt 6 Monate das selbe. Eigentlich sehr schade, da ist durchaus Potential verloren gegangen.
Jetzt haben wir uns Gloomhaven geholt. Beste Entscheidung!

vor einem Jahr
M_Coaster

Aber gerade die Ziele sind doch viel abwechslungsreicher und eben nicht immer so ähnlich wie in Pandemic Season 1. Gerade das ist doch einer der Stärken von Season 2.

vor einem Jahr