Spiel´ nie in schlechter Gesellschaft!
Eine Kolumne von Jörg Luibl, 27.08.2004

Was hat die Games Convention bewiesen? Dass man auf Spielemessen keine Spiele genießen kann. Es ist so laut wie im Stadion, so hektisch wie am Bahnhof. Kein Wunder, dass da nicht die Atmosphäre aufkommt, die einen daheim auf der Couch packt. Viel zu schnell frisst die dröhnende Besucherkulisse jeden Funken Spielspaß. Am Ende erträgt man Halo 2 und Splinter Cell 3 nur noch mit Oropax Ultra.

Noch schlimmer als der Messemoloch ist allerdings die schlechte Gesellschaft im eigenen Wohnzimmer: Flüchtige Bekannte und nahe Verwandte, die irgendwo in der Nähe lauern, während man gerade den Rechner hochfährt oder die Konsole füttert. Spätestens beim Aufflackern des Hauptmenüs schleichen sie sich an und stören schon mit ihrer Präsenz.

Spiele sind einfach eine höchst intime Angelegenheit. Sie müssen alleine, in Ruhe und im stillen Kämmerlein genossen werden: Man denke an epische Abenteuer wie Gothic 2, packende Schleichtitel wie Thief III oder Horror-Shooter wie Doom 3. Was der Rotwein für den echten Käsekenner, ist die Stille für den echten Zocker.

Erst wenn man ganz alleine mit seinem Baby ist, wird der Spielekitzel geweckt, der einen ganz und gar in konzentrierter Faszination aufgehen lässt. Sobald sich in ein Game verkuckt hat, geht man eine magische Verbindung ein: man will darin versinken, es komplett und ganz genießen. Ohne blöde Kommentare. Ohne Gelaber.

In schlechter Gesellschaft funktioniert das nicht. Hier schmecken selbst hochprozentige Delikatessen schal: Wie will man sich durch Doom 3 ballern, wenn die Schwiegermutter gerade strickt und dazu noch despektierlich nickt? Okay, mit ein wenig morbider Fantasie geht das vielleicht gerade noch. Doch wie soll man Windwakers Zelda genießen, wenn ein düsterer Rollenspiel-Fundamentalist ein Gesicht zieht, als müsse er gleich einen Teletubbie-Charakter leveln? Und wie soll man seinen Kader für die nächste Saison planen, wenn die Freundin die ganze Zeit etwas von Fußball-Proll faselt?

Aber am schlimmsten ist diese Konstellation: Lieblingsspielzocker trifft auf notorischen Meckerkopp. Wenn man alleine ist, kann ein Spiel seine magischen Reize frei entfalten. In diesem glückseligen Fanboy-Stadium interessiert man sich nicht mehr für die kleinen Fehler - das ist wie bei einer Lachgas-OP oder der stürmischen Verliebtheit: der Arzt ist plötzlich nett, die Freundin eine umwerfende Schönheit.

Diese beschwipsten, aber für die Zockereele ungemein heilsamen Zustände sind dem Nörgler fremd. Ihm entgeht gar nix. Er ist kein schwärmerischer Idealist, sondern knallharter Realist. Ein Laberhannes mit Hang zur zügellosen Selbstdarstellung. In naivem Missionierungswillen versucht man noch, diesen Fremdkörper von seinem Spiel zu überzeugen:

"Es macht einfach einen Heidenspaß, verstehst du?"

Aber er versteht nicht. Er verreißt lieber. Seine Kommentare stechen schnell und trocken wie Alis Jabs:

"Was is das denn für`n Flackern? Das ruckelt ja!"

Und das im Zehn-Sekunden-Takt:

"Schau mal: Clippingfehler! Da hätte man…"

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

"Was? Keine Sprachausgabe? Heutzutage…"

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

"Wieso sind die Menüs so hässlich? Wenn ich…"

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

Jetzt ist noch nicht mal eine Minute vergangen. Was müssen fünf Minuten Gesellschaft da für eine Ewigkeit sein! Schließlich wird noch über die kindische Story, die üble Steuerung und die blöden Quests hergezogen. Die rosa Brille des Lieblingsspielzockers bekommt tiefe Risse, der Zauber ist hinüber - kurzum: er verliert den Spaß am Spiel. Und Meckerköppe steigern sich von Runde zu Runde, bevor sie mit einem böse verzögerten und krachend polemischen Haken zum Knockout ansetzen:

"Soll ich dir was sagen?"

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1…

"Das Spiel ist scheiße!"

RUMMMS! Der hat gesessen. Das Fanboy-Herz blutet. Der Controller fällt zu Boden. Aber dann wird der Fan zum Man: Ein Prall, ein Schall, dicht am Gesicht - der Meckerkopp, er sputet sich.

Also mein Tipp für gemütliche Abende mit dem herzallerliebsten, frisch importierten oder sehnlich erwarteten Game: Zockt es nur alleine. Oder höchstens mit introvertierten Gleichgesinnten. Zockt es selbst dann nur mit guten Kopfhörern. Und zockt auf gar keinen Fall mit einem dieser Spiele-Tester. Die meckern nämlich im 5-Sekunden-Takt…


Jörg Luibl
4P|Textchef